Meningeome


Was ist ein Meningeom?

Meningeome gehen von der Spinngewebshaut (Arachnoidea) aus. Diese überzieht das Gehirn unterhalb der harten Hirnhaut. Meistens sind diese Tumore gutartig und wachsen langsam. Bisweilen können sie verkalken. Häufig wachsen sie in die Hirnhaut ein und können sie zerstören. Gleichzeitig beobachtet man in vielen Fällen eine begleitende Verbreiterung des darüber liegenden Knochens (Hyperostose). Die Tumore können eine knotige und raumfordernde oder eine flächige Wachstumsform zeigen. In sehr seltenen Fällen können Meningeome bösartig sein (Häufigkeit 1.7% aller Meningeome). Auch schnellwachsende Varianten werden beschrieben.

Werden Meningeome vollständig entfernt, ist eine Heilung der Tumorerkrankung möglich.

Wo findet man diese Tumore?

Meningeome können überall dort wachsen, wo arachnoidale Zellen (s.o.) vorhanden sind. Diese finden sich z.B. zwischen Hirn und Schädelknochen, in den Ventrikeln oder entlang des Rückenmarkskanals. Die meisten Meningeome (60-70%) sind an der Falx (Hirnsichel, trennende Hirnhaut zwischen beiden Hirnhälften), Konvexität (äußere Hirnoberfläche) und Keilbeinflügel lokalisiert. Selten finden sich Meningeome spinal.


Krankheitshäufigkeiten

Meningeome machen ca. 15% aller Tumore im Schädelinneren aus. 2% aller Meningeome beobachtet man in Kindheit und Jugend. Der Häufigkeitsgipfel liegt um das 45. Lebensjahr. Frauen sind häufiger von Meningeomen betroffen als Männer.


Krankheitserscheinungen

Spezifische Symptome für ein Meningeom gibt es nicht. Krankheitssymptome werden in erster Linie durch die Lokalisation des Tumors bestimmt. So kann ein Konvexitätsmeningeom (s.u.), welches im Bereich des Bewegungszentrums für Arme und Beine liegt, eine Halbseitenlähmung auslösen. Liegen diese Tumore z.B. in der Riechrinne, können Geruchsstörungen bis hin zum Geruchsverlust auftreten. Durch Irritation des Gehirns können Meningeome auch Ursache von Krampfanfällen sein. In sehr seltenen Fällen wachsen die Tumore nicht nur in das Schädelinnere, sondern durch den Knochen bis in die Haut. Durch ihr langsames Wachstum und die Anpassungsfähigkeit des Gehirns können Meningeome einige Größe erreichen bis sie auffällig werden.


Untersuchungstechniken zum Nachweis des Tumors

-Computertomographie (CT)
Die CT mit und ohne Kontrastmittel steht meist am Anfang der diagnostischen Kette. In vielen Fällen wird sie durch den Hausarzt oder Neurologen veranlasst, weil Krampfanfälle oder andere neurologische Störungen aufgetreten sind. Ohne Gabe von Kontrastmittel können Verkalkungen der Tumore beobachtet werden. Das peritumorale Ödem, eine durch den Tumor bedingte Schwellung des umgebenden Hirngewebes, ist im Vergleich zu anderen Tumoren im Schädelinnenraum in seiner Ausprägung geringer. Nach Gabe von Kontrastmittel färbt sich der Tumor häufig kräftig an. Angrenzender Knochen erscheint an der Seite zum Tumor oft wie „angefressen“ oder verdickt.

-Kernspintomographie (MRT)
Sie ist die derzeit sensibelste Methode zur Darstellung von Meningeomen. Auch hier wird zur Darstellung und Differenzierung gegenüber anderen Tumorerkrankungen Kontrastmittel gegeben. Spezielle Sequenzen geben zusätzliche Informationen über Lage und Durchgängigkeit angrenzender Blutgefäße, insbesondere großer venöser Blutleiter, den Sinus.

-Angiographie
Die Angiographie bleibt speziellen Fragestellungen vorbehalten. Hier werden Informationen aus der MRT über Gefäße noch detaillierter dargestellt. Auch können während der Angiographie tumorversorgende Gefäße, unter der Vorstellung den Blutverlust während der Operation zu vermindern, verschlossen (embolisiert) werden. Die Blutversorgung der Meningeome erfolgt meist aus Arterien der Hirnhäute.

-Konventionelle Röntgenaufnahmen
Sie sind für die eigentliche Zugangsplanung nicht mehr notwendig. Sie werden aber häufig für die Planung von Lagerungsmöglichkeiten des Kopfes in Operationshaltesystemen benötigt.

Therapie

Nicht jedes Meningeom bedarf einer sofortigen Therapie. In manchen Fällen beschränkt man sich auf eine Verlaufsbeobachtung. In anderen wird die dringliche operative Behandlung notwendig. Ob ein Meningeom behandelt werden muss, kann vom Neurochirurgen je nach Beschwerden des Patienten und Ergebnis der MRT/ CT Untersuchungen beurteilt werden.

Operation

Die Therapie der ersten Wahl ist die operative Entfernung der Tumore über eine Schädelöffnung. Hier wird über dem Tumor nach Hautschnitt und Aussägen des Schädelknochens die Hirnhaut eröffnet.
Als prinzipielle Strategie gilt die „Isolierung“ des Tumors von der Gefäßversorgung, welche üblicherweise von der angrenzenden Hirnhaut erfolgt. Dieses gelingt insbesondere bei oberflächlichen Tumoren. Anschließend werden sie von der anheftenden Spinngewebshaut getrennt und können vollständig entfernt werden. Größere und tiefer sitzende Tumore müssen meist vor Entfernung verkleinert werden. Dieses geschieht durch Aushöhlen des Tumors. Hierdurch können die verbleibenden Wände ohne Druck auf das angrenzende Hirngewebe auszuüben, von der angrenzenden Arachnoidea und damit Hirngewebe gelöst werden. Insbesondere tiefsitzende Tumore können Strukturen wie Nerven oder Gefäße nicht nur ummauern, sondern sogar in sie einwachsen. In diesen Fällen kann eine vollständige Entfernung unmöglich werden. So muss der Operateur abwägen, ob die vollständige Entfernung angestrebt wird oder man Reste an den umwachsenen Strukturen belässt.

Nach der Meningeomentfernung wird die vorher eröffnete z.T. entfernte Hirnhaut plastisch verschlossen. Ziel jeder Hirntumoroperation wird die Erhaltung oder Verbesserung der Lebensqualität sein. Die Tumorentfernung erfolgt nahezu immer unter mikroskopischer Sicht. Das gewonnene Gewebe erhält der Neuropathologe, der eine Gewebstypisierung vornimmt. Wiederholte Tumorentfernungen bei unvollständiger Resektion oder Nachwachsen sind möglich.

Ergänzende Therapie

Bei vollständiger Entfernung und Gutartigkeit des Tumorgewebes ist eine Begleittherapie nicht notwendig. In diesen Fällen sollten computer- oder kernspintomographische Verlaufsuntersuchungen erfolgen.

Stereotaktische Bestrahlung
Bei Teilentfernung sollte abhängig von der Größe und Lokalisation des Resttumors über die Notwendigkeit einer Nachbestrahlung entschieden werden. Gerade an für den Chirurgen unerreichbare Stellen von Tumorresten kann ein stereotaktischer strahlenchirurgischer Eingriff (LINAC, Gammaknife) zur Tumorbehandlung herangezogen werden. Gleiches gilt für Fälle, in denen eine Operation bei gesicherter Diagnose auf Grund anderer Beleitumstände nicht in Frage kommt, z.B. bei eingeschränkter Operationsfähigkeit des Patienten oder Rezidiven. Für den strahlenchirurgischen Eingriff wird eine genaue, computerberechnete Bestrahlungsplanung notwendig, die nur den Tumorrest umfasst. Die Bestrahlung erfolgt in einmaliger Sitzung mit hoher Bestrahlungsenergie.
Größe des Restmeningeoms und seine Lage bedingen die Grenze auch dieser Methode.

In vielen Fällen von Restmeningeomen wird ausschließlich eine computer- oder kernspintomographische Verlaufsuntersuchung angestrebt, da u.U. ein jahrelanger Wachstumsstillstand eintreten kann.

Konventionelle fraktionierte Bestrahlung
Meningeome als gutartige Tumore besitzen eine geringe Empfindlichkeit für die übliche Bestrahlung. Die äußere Bestrahlung, wie sie als Behandlung bei vielen anderen Tumorerkrankungen bekannt ist, bleibt hier Einzelfällen vorbehalten. Sollte der Pathologe jedoch in den Gewebsschnitten eine Bösartigkeit des Tumors nachweisen, wird eine fraktionierte Nachbestrahlung angestrebt.

Chemotherapie
Chemotherapeutische Ansätze haben bisher keinen eindeutigen Nutzen zeigen können. Behandlungen bleiben bislang Einzelfällen vorbehalten. Experimentelle Therapieansätze mit Hormonpräparaten oder Hydroxyurea haben noch keinen Eingang in die klinische Routine gefunden und müssen ihre Wirksamkeit noch nachweisen. Bisher gibt es kein Standardkonzept für Chemotherapie. Es gibt einzelne klinische und experimentelle Studien zur chemotherapeutischen Behandlung von Meningeomen.

Begleitende medikamentöse Therapie
Findet sich um ein Meningeom ein peritumorales Ödem (s.o.) im angrenzenden Hirngewebe und treten hierdurch bedingte Beschwerden auf, kann mit dem Ziel der Abschwellung eine vorübergehende Behandlung mit Cortison notwendig werden. Meistens erhält der Patient diese Therapie vor und für kurze Zeit nach der Operation. Zur Vermeidung von Komplikationen soll die Behandlung nur für kurze Zeit erfolgen und von einem Präparat zum Magenschutz begleitet sein.

Sind epileptische Anfälle aufgetreten, wird eine Behandlung mit krampanfallshemmenden Medikamenten notwendig. Diese Behandlung sollte nicht unmittelbar nach der Operation beendet werden, sondern auch nach Entfernung des Tumors unter EEG-Kontrolle für einige Zeit fortgeführt werden.

Einige spezielle Lagen von Meningeomen

Konvexitätsmeningeome:
An der äußeren Oberfläche des Gehirns wachsende Tumore. Sie verdrängen das Gehirn. Meist findet sich eine begleitende Hyperostose des darüberliegenden Knochens. Die Entfernung gelingt meist vollständig. Wegen Infiltration ist in diesem Bereich meistens eine Entfernung der angrenzenden Hirnhaut notwendig.

Keilbeinflügelmeningeome:
Lateral (außen): Wachstumsverhalten und Behandlung üblicherweise wie bei Konvexitätsmeningeomen

Medial (innen): Neigen dazu die hirnversorgenden Arterien wie Arteria carotis oder die Arteria cerebri media zu ummauern. In manchen Fällen ummauern sie auch Augenmuskelnerven und Sehnerven. Sie sind nicht immer vollständig zu entfernen.

Falxmeningeome:
Infiltrieren und zerstören z.T. die Falx. Wachsen häufig in den Sinus sagittalis superior (großer venöser Blutleiter) ein und verlegen diesen. Operative Entfernung gelingt meist komplett. In einigen Fällen wird jedoch ein mehrzeitiges Vorgehen nötig, wenn der Sinus sagittalis superior durch einwachsenden Tumor teilverlegt ist.

Metastasen:
Metastasen von Meningeome sind eine Rarität und gehen, wenn überhaupt, von sog. angioblastischen oder malignen Meningeomen aus. Metastasen in Lunge, Leber, Lymphknoten und Herz sind in Einzelfallberichten beschrieben.

Rezidive (Nachwachsen):
Abhängig von der Vollständigkeit der Tumorresektion hängt das Rezidiv vom belassenen Tumorrest ab. So findet man in ca. 13% nach vollständiger und in bis zu 85% nach unvollständiger Entfernung ein erneutes Tumorwachstum. Bei bösartigen Formen oder auch multiplen Meningeomen liegt die Rezidivhäufigkeit deutlich höher.
Unabhängig von der Resezierbarkeit des Tumors besteht die Notwendigkeit einer regelmäßigen bildgebenden Nachuntersuchung, die vom Neurochirurgen mitbeurteilt werden muss. Erneute chirurgische Entfernungen nachwachsender Meningeome sind grundsätzlich möglich. In Fällen ungünstiger Lokalisationen, die erneut nur eine Teilentfernung erlauben, finden Konzepte multimodaler Therapien mit größtmöglicher operativer Entfernung und nachfolgender Radiochirurgie Anwendung.

Weitere Informationen:
PD Dr. med. Michael Winking, Neurochirurgische Gemeinschaftspraxis Osnabrück,
E-mail: winking[at]spine-osib.de